Wie geht Führung in der digitalisierten Welt?

21. April 2020

Lesedauer: ca. 6 Min

Beim Blick in die aktuelle Berichterstattung gewinnt man den Eindruck, dass das Corona-Virus die Digitalisierung in Deutschland beschleunigen wird. Was aber sind die notwendigen Maßnahmen? Sicherlich ist es nicht mit der Bereitstellung der notwendigen Technik sowie der Klärung einiger Sicherheits- und (arbeits-)rechtlicher Fragen getan, wie uns die Medien suggerieren. Und was bedeutet die Umstellung für Führungskräfte? Uns fallen noch einige Aspekte ein, die über die rein technische Ausstattung hinausgehen…

„Seuchen und Krankheiten waren in der Menschheit schon immer ein Antrieb für Veränderungen 2“ – so könnte die aktuelle Corona-Krise eine schnellere Transformation in Richtung Digitalisierung auslösen. Grund dafür sind die getroffenen Maßnahmen, wie etwa die Quarantäne, unter die Mitarbeiter gestellt werden, die aber unter Umständen gar nicht erkrankt sind und daher durchaus in der Lage wären zu arbeiten. Sie könnten also je nach Arbeitsaufgabe im Homeoffice tätig werden. Auch Bitkom-Präsident Berg befürwortet den „Weckruf“ und fordert eine schnelle Umsetzung notwendiger Maßnahmen: „Jetzt heißt es, digitale Infrastruktur aufzubauen, Geschäftsprozesse umfassend zu digitalisieren und neue, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. 1

Auch Führungskräfte müssen ihren Führungsstil überdenken. Statt „Führen durch Kontrolle“ ist jetzt „Führen mit Zielen“ der Schlüssel - einfach bei Mitarbeitern im Vertrieb, aber wie funktioniert es in anderen Bereichen? Bei den Mitarbeitern könnte das Ausmaß der Belastung steigen: so zeigt eine 2017 veröffentlichte Studie der ILO (International Labor Organization), dass Telearbeit Stress und Schlafstörungen auslösen kann 3. Wie erkenne ich als Führungskraft so zuverlässig wie bisher, wenn meine Mitarbeiter möglicherweise weit entfernt vom Büro an ihre Grenzen stoßen? Die Anforderungen an Führungskräfte, die z.B. transformational führen, sind vielfältig: von ihnen wird eine Werteorientierung verlangt, lösungsorientiertes und hoffnungsvolles Denken, eine tiefe Selbst- und Menschenkenntnis sowie Kontaktfähigkeit und Entwicklungswillen.

Nach 20 Jahren Erfahrung mit der Führung von Mitarbeitern in entfernten Lokationen und viel Zeit im heimischen Büro sind diese meine Empfehlungen für Führungskräfte mit Mitarbeitern im Homeoffice:

1. Vertrauen und Transparenz

In vielen Unternehmen ist das Homeoffice nicht gut angesehen und so ist diese Variante der Arbeit für Mitarbeiter neu. Es sind viele Aspekte der Selbstorganisation zu regeln und daher werden sich viele fragen, wie das in der Praxis funktioniert. Da ist die Führungskraft besonders gefragt, denn sie sollte sich für diese Belange interessieren und sich bewusst sein, dass es zu Beginn „ruckeln“ könnte. Der Chef sollte möglicherweise selbst Unterstützung einholen und vor allem Hilfe zur Selbsthilfe anbieten. Was machen, wenn es nicht genug Platz in der Wohnung gibt, wenn die Arbeitsatmosphäre zu laut ist? Hier müssen Lösungen her und das ist der Job der Führungskraft. Seien Sie als Führungskraft geduldig und offen für die Nöte Ihrer Mitarbeiter und vor allem gut erreichbar, ansprechbar und zugewandt.

2. Regelmäßige digitale Meetings

Im Büroalltag können viele Dinge nebenbei besprochen und gelöst werden. Daher ist die Kaffeepause auch in fast allen Unternehmen gut angesehen, so lange es nicht übertrieben wird. Im Homeoffice gibt es das nicht, daher müssen feste Zeiten organisiert werden, in denen Kommunikation stattfindet. Wir haben beispielsweise gute Erfahrungen mit dem folgenden Schema gemacht:

  • am Morgen eine 5-10 min Besprechung mit jedem Mitarbeiter – der gute Start in den Tag. Hier werden noch keine harten Fakten besprochen, das ist der „Morgenkaffee“ per elektronischer Kommunikation
  • einmal in der Woche für ca. 30 min eine Besprechung, in der es um den aktuellen Geschäftsstatus geht und den Check, inwieweit die Zielerreichung vorangeht und wo eventuell Hilfe benötigt wird
  • einmal im Monat eine offene Diskussion über die Belange der Mitarbeiter zu den Themen Personalentwicklung und Persönliches – abhängig davon, inwieweit der Mitarbeiter sich öffnen will
  • eine Besprechung für alle Mitarbeiter, wenn Erfolge, Projektabschlüsse usw. zu feiern sind. Das sollte reichlich geschehen, weil es ein „WIR-Gefühl“ schafft.

3. Führen mit Zielen

Ziele, die aus uns selbst heraus entstehen und unseren Bedürfnissen, Neigungen und Werten entsprechen, nennen wir intrinsische Ziele. Idealerweise gelingt es der Führungskraft, die Vision des Unternehmens derart überzeugend zu vermitteln, dass die Mitarbeiter die Ziele des Unternehmens umgeformt für ihre eigene Ziele übernehmen. In einem solchen Fall agiert der Chef ähnlich einem Coach und kann ab diesem Zeitpunkt seine Zeit sinnvoller verwenden, als die Anwesenheit der Mitarbeiter zu kontrollieren. Empfehlenswert ist es, Teilziele wochen- oder monatsweise gemeinsam zu formulieren und in den vereinbarten Mitarbeitergesprächen zu messen. Bei Problemen in der Zielerreichung hat man dann klare Parameter, an denen mit dem Mitarbeiter gearbeitet werden kann. Die Führungskraft kann sich auch am Triple-A-Modell 4 orientieren und sich selbst messen, inwieweit jedem Mitarbeiter Aufmerksamkeit, Anerkennung, Anregung zuteilwerden.

4. Regeln

Vom Start weg ist es wichtig, über Verhaltensweisen zu sprechen und klare Regeln für alle Aspekte aufzustellen, die den reibungslosen Ablauf des Arbeitsalltages sicherstellen. Es darf keinesfalls der Eindruck entstehen, dass der Mitarbeiter 24/7 erreichbar sein muss. Auch die Wochenenden sollten tabu sein – die letzte wichtige E-Mail der Woche sollte die Führungskraft vielleicht nicht am Freitagabend verschicken, sondern erst am Montagmorgen. Bedenken Sie bitte, dass es den Mitarbeitern im Homeoffice teilweise sehr schwerfällt, das Private vom Beruflichen abzugrenzen und viele mit schlechtem Gewissen in den Feierabend starten. Erwartungen an das flexible Arbeiten sollten daher eindeutig definiert werden, um Missverständnisse zu vermeiden.

Wenn Sie diese wenigen Dinge in Ihrem Führungsverhalten an die neue Situation anpassen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie die Zufriedenheit der Mitarbeiter deutlich steigern. Die alte Führung durch Anwesenheit und Kontrolle ist ineffektiv und nagt am Geschäftsergebnis, wie zahlreiche Studien zeigen. Daher ist diese Reise in die Digitalisierung nicht nur jetzt, nicht nur unter dem Zwang der Corona-Krise sinnvoll – sie ist für den langfristigen Unternehmenserfolg notwendig. Die Vorteile, die die digitale Umstellung mit sich bringt, werden bei der richtigen Umsetzung sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiter gleichermaßen schätzen.

 

Von Oliver Wenzel, Personal & Business Coach und Kooperationspartner bei K211 Consulting / Für Fragen und Anregungen steht unser Autor unter o.wenzel@k211consulting.de zur Verfügung.

 

Quellen:

1 Berliner Morgenpost, Bitkom: Coronavirus wird Digitalisierung vorantreiben, https://www.morgenpost.de/web-wissen/web-technik/article228820463/Bitkom-Coronavirus-wird-Digitalisierung-vorantreiben.html, Stand: 2.4.2020

2 manager magazin,  Wie Corona die Arbeitswelt langfristig verändert, https://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/durchbruch-fuer-digitalisierung-corona-veraendert-die-arbeitswelt-a-1305535.html, Stand: 2.4.2020

3 Study links working remotely to more stress, insomnia, https://medicalxpress.com/news/2017-02-links-remotely-stress-insomnia.html, Stand: 2.4.2020

4 Grabisch, J./Krüger, C.: Einfach führen. Frankfurt/Main, Campus 2005

Handbuch Coaching und Beratung, Migge, Dr.Björn, 4.Auflage 2018, Belz Verlag

Handbuch Business-Coaching, Migge, Dr.Björn, 2.Auflage 2017, Belz Verlag

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