Wozu ist die Birne da?
17. Februar 2026
Lesedauer: ca. 5 Min
Jeder Mensch, dem wir begegnen, trägt sie auf dem Hals. Wir natürlich auch. Unsere Birne. Sie leuchtet uns den Weg. In alle Richtungen. Deshalb ist die Birne vermutlich auch rund. Und genau das ist manchmal das Problem. Wir analysieren die Vergangenheit, planen die Zukunft und achten sorgfältig darauf, bloß nirgendwo anzuecken. Evolutionsgeschichtlich war das ein Geniestreich, denn diese Wachsamkeit sicherte unser Überleben. Gefahren früh erkennen, Risiken vermeiden, vorsorgen. Heute sind es selten Säbelzahntiger, die uns bedrohen. Doch die Mechanik ist geblieben. Und so sichert die Birne nicht mehr unser Überleben, sondern vor allem unsere Gedankenschleifen.
Früher brauchte es einen Draht und die Glühbirne musste heiß werden, um zu leuchten. Heute reicht eine LED. Kälter. Präziser. Effizienter. Und wir? Wir glauben noch immer, Erkenntnis entsteht durch Überhitzung. Mehr nachdenken, mehr analysieren, mehr optimieren. Vor allem versuchen wir, unsere Zeit zu optimieren. Dabei haben wir vergessen, dass die Zeit kein lineares Gut ist, das man sparen, optimieren oder sogar verlieren kann. Sie ist einfach da. Und was wir aus ihr machen, entscheidet sich nicht gestern und nicht morgen, sondern jetzt.
Wenn unsere Birne also wieder einmal heißläuft, lohnt sich ein Blick zurück zum deutschen Dichter, Dramatiker und Theaterregisseur Bertolt Brecht. Schon 1928 schrieb er in der Dreigroschenoper im „Lied von der Unzulänglichkeit“ sinngemäß: Der Mensch lebt durch den Kopf, doch der Kopf reicht nicht aus, davon lebt höchstens eine Laus. Er ist für dieses Leben nicht schlau genug, macht Pläne, sogar einen zweiten, und beide gehen nicht. Und während alle nach dem Glück rennen, rennt das Glück hinterher.
Das Glück finden wir nicht in der Zukunft, sondern immer nur im Hier und Jetzt. Dieser Satz steht auf Teetassen und Kalenderblättern. Aber danach leben tun wir nicht. Warum eigentlich? Weil wir Gewohnheitstiere sind. Weil wir uns Sicherheit zusammendenken, die es im Leben nicht gibt. Hier sitzen unsere Prägungen tief und unsere Persönlichkeit ist oft zäher, als uns lieb ist. Zum Glück können wir etwas viel Näheres beeinflussen, das uns aus den ausgetretenen Pfaden unserer Gewohnheiten herausführt: unsere Einstellung. Unsere Haltung. Unser Mindset. Sie sind nicht in Stein gemeißelt und haben direkten Bezug zur Realität. Das ist kein Motivationsspruch. Das ist eine Wahl. Und diese Wahl haben wir nicht irgendwann, sondern immer.
Wie sonst hätte der klassische „Underdog-Run“ von Arminia Bielefeld gelingen können? Im DFB-Pokal 2024/25 legte Arminia Bielefeld einen bemerkenswerten Lauf hin und warf nacheinander mehrere Bundesligisten aus dem Wettbewerb und schaffte es sogar bis ins Finale. Nicht, weil die Spieler über Nacht zu Superstars mutierten, sondern wegen ihrer inneren Einstellung und Haltung: Mut und Entschlossenheit. Der Teamgeist kam nicht dazu, er wuchs daraus. Die Spiel-Resultate konnten sie nicht garantieren. Aber ihre Präsenz, ihre Qualität im Moment, ihre Bereitschaft, in jedem Spiel über sich hinauszuwachsen, schon. Nicht den Durchschnitt anstreben, sondern die Welt um sich vergessen und im Hier und Jetzt das bestmögliche Potenzial entfalten. Genau darum geht es: um Hingabe. Und die können wir direkt beeinflussen.
Hierbei nicht perfekt zu sein, ist nicht das Problem. Das Problem ist eher, dass wir oft gar nicht richtig da sind. Wir stehen zwar im Leben, im Gespräch, im Projekt, im Spiel, aber mit den Gedanken sind wir längst woanders. Wir malen uns aus, was alles passieren könnte, was schiefgehen könnte, was andere denken könnten. Diese inneren Schleifen wirken manchmal wie Vorbereitung, sind aber oft nur Sorge in Verkleidung, die uns unerkannt belastet. Sie lenken ab und rauben uns genau das, was den Unterschied macht: Aufmerksamkeit für den Moment. Entscheidend ist deshalb, bewusst im Moment zu handeln, mit Hingabe statt auf Autopilot. Nicht nur zu funktionieren, nicht nur zu reagieren, sondern Entscheidungen zu treffen, die aus der richtigen Haltung kommen. Genau darin zeigt sich, wer wir sein wollen. Das heißt, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und vor allem nicht unter den eigenen Möglichkeiten zu bleiben. Das Ergebnis liegt nicht vollständig in unserer Hand, die Einstellung schon.
Und damit sind wir wieder bei unserer Birne. Sie leuchtet viel aus, aber nicht alles. Manche Ecken unseres Lebens bleiben im Schatten. Nicht, weil sie nicht existieren, sondern weil wir das Licht zu niedrig halten, zu nah am Boden, zu dicht am Problem. Vielleicht reicht es nicht, heller zu denken. Vielleicht müssen wir die Birne einfach höher hängen. Nicht damit sie stärker leuchtet, sondern damit sie weiter reicht und wir wieder sehen, was jetzt wirklich zählt. Nämlich Hingabe, nicht Gedankenkarussell. Dafür ist die Birne da.
Gastbeitrag von Andreas Schubert, Psychodynamischer Berater und Kooperationspartner bei K211 Consulting / Mehr über unseren Autor unter: www.up-beratung.de
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Quellen:
Eckhart Tolle | Jetzt! die Kraft der Gegenwart
Dr. Leon Windscheid | Besser Fühlen. Eine Reise zur Gelassenheit.